Strom für den Wohnbereich aus der großen Batterie
Ein Camper soll unterwegs möglichst unabhängig vom Landstrom funktionieren. Licht, Kühlung, Kochen und je nach Konzept auch Heizung oder Warmwasser brauchen Energie. Beim klassischen Camper übernimmt das ein zusätzlicher Aufbauakku. Dieser speichert den Strom, während ein Ladebooster oder eine Solaranlage ihn unterwegs wieder auffüllen. Wie lange der Strom reicht, hängt von der Größe des Akkus und davon ab, welche dieser Möglichkeiten tatsächlich Energie liefern.
Beim Elektro-Camper ist der große Energiespeicher schon an Bord. Vehicle-to-Load, kurz V2L, sorgt dafür, dass sich Strom aus dem Antriebsakku auch im Wohnbereich nutzen lässt. Damit verändert sich die ganze Logik der Energieversorgung.
Vier Kilowattstunden treffen auf 68
Ein Aufbauakku in einem auf Autarkie ausgelegten Kastenwagen liegt oft bei etwa vier Kilowattstunden. In kleineren Campingbussen kann es weniger sein, in großen Wohnmobilen auch noch mehr.
Der LIGHTstern Polaris verfügte über 68 Kilowattstunden nutzbare Batteriekapazität. Damit war sein Energiespeicher grob fünfzehn- bis zwanzigmal so groß wie ein typischer Aufbauakku. Viele heute verfügbare Basisfahrzeuge bringen inzwischen noch größere Antriebsakkus mit. Der Unterschied fällt dort also noch deutlicher aus.
Natürlich bleibt ein Teil dieser Energie für die Weiterfahrt reserviert. Trotzdem verändert schon die Größenordnung den Umgang mit Strom an Bord. Bei einem klassischen Autarkie-System muss der Verbrauch leistungsstarker Geräte immer gegen eine vergleichsweise kleine Reserve gerechnet werden. Beim Polaris fiel derselbe Verbrauch im Verhältnis zum Antriebsakku erheblich weniger ins Gewicht.
Strom wird dadurch nicht unbegrenzt verfügbar. Der Spielraum ist aber erheblich größer.
Was im Alltag möglich ist
Über V2L ließen sich im Polaris das Induktionskochfeld ebenso wie Kaffeemaschine, Wasserkocher, Toaster und andere 230-Volt-Geräte betreiben. Gerät einstecken, einschalten, fertig.
Wie klein der Energiebedarf solcher Anwendungen sein kann, zeigte sich beim Wacken Open Air. Dieselben Mieter nutzten den Polaris dort drei Jahre in Folge als Basisstation für mehrere Parteien. Trotz reichlich Kaffee und Rührei entsprach der Verbrauch jeweils nur ungefähr 15 Kilometern Reichweite. Ein entsprechend groß ausgelegtes Autarkie-System mit Solaranlage könnte dieselben Geräte natürlich ebenfalls versorgen. Beim Polaris war dafür aber keine zusätzliche Technik notwendig. Die Energiereserve war ohnehin vorhanden, und selbst nach vier Tagen fiel der Komfortverbrauch im Verhältnis zum Antriebsakku nur wenig ins Gewicht.
Für Gäste bedeutet das mehr Freiheit im Umgang mit Strom, weil sie den Verbrauch einzelner Geräte nicht ständig gegen die verbleibende Reserve abwägen müssen.
Weniger abhängig von Sonne und Landstrom
Ein klassisches Autarkie-System kann Licht, Kühlung und Wasserpumpe zuverlässig versorgen. Auch elektrisches Kochen ist bei passender Dimensionierung möglich. Die Grenzen zeigen sich aber bei höherem Verbrauch oder längeren Standzeiten.
Der Ladebooster führt während der Fahrt Energie zu. Bleibt der Camper länger an einem Ort stehen, kommt von dort allerdings nichts nach. Eine Solaranlage kann im Sommer einen großen Teil des Bedarfs decken. Bei anhaltend schlechtem Wetter oder in der dunklen Jahreszeit sinkt ihr Beitrag jedoch deutlich. Wer dann regelmäßig leistungsstarke Geräte nutzen möchte, entnimmt dem Aufbauakku mehr Energie, als über Fahrt und Sonne nachkommt. Irgendwann ist schließlich Landstrom nötig.
V2L greift dagegen auf die wesentlich größere Reserve des Antriebsakkus zurück, der im Reiseverlauf ohnehin geladen wird. Autarkie hängt damit nicht mehr davon ab, dass Fahrzeit, Sonnenschein und Verbrauch gerade günstig zusammenpassen. Sie ist einfach Normalzustand.
Elektrisch heizen, auch die ganze Nacht
Besonders deutlich wird der Unterschied beim Heizen im Stand. Ein kleiner Keramik-Heizlüfter kann einen gut gedämmten Kastenwagen über längere Zeit angenehm warm halten. Ein üblicher Aufbauakku wäre damit schnell überfordert. Ein Zusatzspeicher für eine ganze Nacht müsste so groß ausfallen, dass Kosten, Gewicht, Volumen und Installationsaufwand in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zum Nutzen stünden.
Mit dem Antriebsakku sieht die Rechnung anders aus.
Bei rund null Grad Außentemperatur und windigem Wetter verbrauchte der Polaris in etwa zehn Stunden ungefähr 15 Prozent seiner Batteriekapazität. Das entsprach grob 30 bis 40 Kilometern Reichweite. Bei aktuellen Basisfahrzeugen mit größeren Antriebsakkus würde derselbe Verbrauch prozentual sogar noch weniger ins Gewicht fallen.
Der Verbrauch ist relevant, bleibt aber planbar. Wer über Nacht heizen möchte, fährt mit einem passenden Ladestand an den Stellplatz oder lädt vorher noch einmal nach. Die Energie für den Wohnbereich wird Teil derselben Planung, die ohnehin für die Weiterfahrt nötig ist.
Viele aktuelle Elektro-Transporter können Heizung und Klimaanlage des Fahrerhauses auch im Stand über viele Stunden betreiben. Je nach Fahrzeug arbeitet dabei eine Wärmepumpe sparsamer als ein einfacher Heizwiderstand. Im Sommer kann dasselbe System auch den Innenraum kühlen.
Bei kleineren Campern kann die Fahrzeugheizung den separaten Heizlüfter ersetzen. Im Stand bleibt der Trennvorhang geöffnet, damit die warme Luft in den Wohnbereich gelangt. Zusätzlich lassen sich die Scheiben des Fahrerhauses mit einer Thermomatte dämmen. Während der Fahrt kann der Vorhang geschlossen werden, damit nur das Fahrerhaus beheizt werden muss.
Wenn auch Kochen und Warmwasser elektrisch gelöst werden, kann der Wohnbereich ohne Gas oder Diesel auskommen. Damit entfallen schwere und platzraubende Stahlflaschen, eine Füllstandskontrolle und die alle zwei Jahre fällige Gasprüfung. Auch eine zusätzliche Diesel-Standheizung wird damit überflüssig.
Was Vermieter davon haben
Für Sie als Vermieter zeigt sich der Vorteil vor allem bei der Technik. Weil der große Energiespeicher bereits an Bord ist, fällt das System für den Wohnbereich deutlich schlanker aus.
Ein klassisches Autarkie-System benötigt je nach Ausführung Aufbauakku, Wechselrichter, Ladegerät, Ladebooster und Solartechnik. Mehr Komponenten bedeuten mehr mögliche Fehlerquellen und mehr Technik, die kontrolliert oder gegebenenfalls repariert werden muss.
Auch die Einweisung wird umfangreicher, wenn Gäste verschiedene Stromquellen oder Umschaltungen verstehen müssen. Eine normale 230-Volt-Steckdose ist einfacher zu erklären. Hinzu kommen Gewicht und Platz. Schon ein Aufbauakku kann rund 25 Kilogramm wiegen. Weitere Technik kommt dazu und beansprucht im Kastenwagen oft Raum unter einer Sitzbank oder in einem Technikfach.
Natürlich bringt auch ein integriertes V2L-System Technik und Gewicht mit. Der Antriebsakku ist jedoch schon vorhanden und befindet sich unter dem Fahrzeugboden. Für den Wohnbereich muss daher kein zweiter großer Energiespeicher untergebracht werden. Auch die notwendige Technik ist vom Fahrzeughersteller bereits integriert, auf das Fahrzeug abgestimmt und entsprechend erprobt.
V2L ersetzt die Aufbauelektrik nicht vollständig. Licht, Wasserpumpe, Kühlschrank und USB-Anschlüsse brauchen weiterhin eine passende 12-Volt-Versorgung. Dieses System kann aber kleiner bleiben, weil es weder Kochfeld noch Heizung versorgen muss. Auch der dafür nötige kleine Blei-Akku wird über V2L aus dem Antriebsakku nachgeladen. Damit bleibt selbst das 12-Volt-Netz Teil derselben großen Energiereserve.
Die technische Umsetzung unterscheidet sich je nach Fahrzeug. Manche Systeme arbeiten mit einem eigenen Wechselrichter und können Strom abgeben, während das Fahrzeug geladen wird. Einfachere Lösungen nutzen dasselbe integrierte Ladegerät zum Laden und zur Stromabgabe und können deshalb immer nur eines von beidem. Eine Powerstation kann in diesem Fall als Pufferspeicher für 12-Volt- und 230-Volt-Verbraucher dienen. Bei der Fahrzeugwahl lohnt sich daher ein genauer Blick auf Leistung, Bedienung und mögliche Einschränkungen.
Mehr Autarkie, weniger Zusatztechnik
Der entscheidende Vorteil von V2L liegt darin, dass der große Energiespeicher bereits an Bord ist und für den Wohnbereich nutzbar wird. Das schafft mehr Spielraum für Kochen, Heizen und längere Standzeiten, verringert die Abhängigkeit von Sonne und Landstrom und erspart zusätzliche Technik samt Gewicht, Stauraumbedarf und Erklärungsaufwand. V2L gehört deshalb bei der Auswahl eines elektrischen Basisfahrzeugs zu den wichtigsten Ausstattungsfragen. Die Funktion entscheidet mit darüber, wie autark der Camper im Alltag wirklich ist und wie einfach das System in der Vermietung bleibt.
